Tyrion Lennister

Ecken, Kanten, Nase weg


Hier noch mit Nase - kurz bevor er den Voldemort macht.
Hier noch mit Nase - kurz bevor er den Voldemort macht.

Tyrion Lennister (im Original: Lannister) gehört zu den beliebtesten Figuren des Lieds von Eis und Feuer. In einem reichhaltigen Figurenensemble gelingt es ausgerechnet dem Kleinsten, besonders aufzufallen.

Woran liegt das?

Und welche Rolle wird Tyrion noch spielen?

 

Der Gnom

 

Eine erste Antwort darauf, was Tyrion so interessant macht, ist seine Gegensätzlichkeit. Körperlich ist er einer der Schwächsten, geistig jedoch einer der Stärksten. Er brilliert als Hand des Königs, als Berater der Königin, ja, selbst als Konstrukteur.

Und das ist nicht der einzige Widerspruch: Tyrion hat einen guten Charakter, ist aber von unansehnlichem Äußeren. So baut er Bran z.B. einen speziellen Sattel, damit dieser trotz Behinderung wieder ausreiten kann. Bei Game of Thrones erkennt man Tyrions Hässlichkeit nur bedingt. Im Lied von Eis und Feuer ist Martin da drastischer: Tyrion hat zwei verschiedenfarbige Augen, eine wulstige Narbe und ein großer Teil der Nase fehlt ihm.

Darin liegt zudem ein dritter Gegensatz: Die unterschiedlichen Augen sind ein klassisches Teufelssymbol. Tyrions Zwergenwuchs tut ein Übriges dazu, um verachtet zu werden. Zugleich aber ist er ein Lennister, ein Angehöriger der Familie der Königin und somit höchst angesehen.

Ein vierter Widerspruch verbirgt sich in seinem Charakter. Tyrion gewinnt unsere Sympathie durch Humor, dessen Spannweite von Ironie bis Zynismus reicht. Doch er ist auch eine der schwermütigsten Figuren, ergeht sich in trüben Grübeleien und neigt zum Trunke.

 

Zu Tywins großen Stärken gehört seine Ausstrahlung emotionaler Wärme.
Zu Tywins großen Stärken gehört seine Ausstrahlung emotionaler Wärme.

Von Schuld und Schande

 

Tyrion ist der jüngere Bruder von Jaime und Cersei Lennister und damit Sohn des Alten Tywin und Angehöriger des reichsten und mächtigsten Hauses. Vordergründig kann es ein Kind in Westeros kaum besser treffen. Doch bei Tyrions Geburt stirbt seine Mutter. Das seltsame Aussehen des Neugeborenen gilt als böses Omen. Vater und Schwester geben dem kleinen Tyrion die Schuld am Tod der Mutter.

Ein klassisches Beispiel des unschuldig-Schuldigen und die beste Voraussetzung, unser Herz zu gewinnen.

Das Motiv findet sich auch in Tyrions Charakter wieder. Er spielt Glücksspiele, säuft wie ein Loch und betreibt Huren-Hopping. Nach traditionell-christlicher Moral sind alle drei Tätigkeiten des Teufels. Doch das Urteil des Lesers über Tyrion fällt ungleich milder aus. Glücksspiel und Alkoholkonsum sind heute akzeptierte Freizeitaktivitäten. Und Tyrions Hang zur Hure wird dadurch gemildert, dass er sich in Shae verliebt und sich rührend um sie sorgt. Erneut ist er also unschuldig-Schuldiger.

 

Überraschende Ähnlichkeiten

 

Hinter der Maske des Lord Tyrion Lennister, Gnom und quasi-mittelalterliche Figur verbirgt sich ein Mensch, der uns viel ähnlicher ist, als es den Anschein hat.

Tyrions Auffassungen fallen völlig aus der ritterlichen Welt von Westeros heraus. Er kümmert sich nicht um Ehre, sondern verfolgt einen neuzeitlichen Pragmatismus.

Seine Einstellung zu Spiel, Spaß und Spannung wurde bereits erwähnt und liegt dem Leser näher als die historische Verteuflung derselben.

Das Gleiche gilt für sein Verhältnis zur Liebe. In einer Gesellschaft, in der Ehen zum Wohl des Hauses arrangiert werden, sucht Tyrion einfach die Nähe der Frau, die er liebt. BING – nächster Punkt gut beim Leser.

Und schließlich ist er in einer weiteren Hinsicht eine moderne Figur: Tyrion ist skeptisch gegenüber allem Überirdischen. Religiöser Fanatismus ist ihm fremd, Überprüfbares und Vernunft liegen ihm eher.

Und es gibt noch eine vierte Ähnlichkeit, die uns für den Lennister-Spross einnimmt. Tyrion ist ein begeisterter Leser. Der geneigte Leser erkennt sich selbst wieder und ist erquickt.

 

Wenn es mit dem Drachenreiten nicht klappt, will ich ein Pony.
Wenn es mit dem Drachenreiten nicht klappt, will ich ein Pony.

Von Zwergen mit und ohne Garten

 

Unsere Vorstellung von Zwergen geht auf zwei Quellen zurück. George Martin kennt sie beide und spielt mit den Bedeutungen, die sich daraus ergeben.

Da ist zunächst einmal die historische Seite. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellte man kleinwüchsige Menschen in Freakshows zur Belustigung der Zuschauer aus. Zuvor hielt man sie jahrhundertelang bei Hofe als Narren.

Tyrions Umgebung versucht immer wieder, ihn in diese Position zu drängen. Er soll auf Schweinen reiten zur Belustigung des Publikums. Joffrey drängt ihn in die Rolle des Narren. Auch Tyrion selbst kennt die Erwartungshaltung. Und clever, wie er ist, entzieht er sich dieser Erwartung, indem er sie erfüllt. Er gibt den Spaßzwerg, ist stets unterhaltsam und witzig. Doch gerade dadurch erwirbt er sich den Respekt seiner Umwelt.

 

Die zweite Seite des Zwergentums ist die mythologische. Ihr moderner Vertreter ist der Gartenzwerg, der sich mit Bart und Zipfelmütze gegen den guten Geschmack versündigt. Verfolgt man die Linie weiter zurück, gelangt man zu Tolkiens Zwergen, die die gesamte Fantasy-Literatur geprägt haben. Die Angehörigen des kleinen Volkes sind Minenarbeiter, die in der lichtlosen Tiefe nach Gold und Erzen graben. Der Zwerg als Schatzhüter ist aber schon in viel älteren Texten wie der nordischen Edda oder der Nibelungensage präsent.

Dieser Mythos ist historischen Ursprungs. In den Minen des Mittelalters benötigte man Arbeiter, die noch in die engsten Schächte passten. Daher wurden Kinder oder eben Kleinwüchsige eingesetzt. Zur üblichen Berufskleidung der Minenarbeiter gehörte übrigens die Zipfelmütze.

 

Auch mit diesem Zwergenbild spielt Martin. Er setzt Tyrion ins Nest der Lennisters und macht ihn damit zum Goldzwerg.

 

Was bringt die Zukunft für Tyrion?

 

Ich wage einige Prognosen. Natürlich ohne Gewähr auf Richtigkeit. Aber nicht ohne Begründung der Wahrscheinlichkeit.

 

 1. Tyrion versöhnt sich mit Jaime und rettet ihm den Arsch

 

Wenn Daenerys Westeros erobert, wird es eng für die Unterstützer konkurrierender Könige. Jaime als Cerseis Bruder und überzeugte Königswache steht dann ganz oben auf der Metzel-weg-Liste. Doch Daenerys Berater ist Tyrion. Wird er wirklich seinen eigenen Bruder opfern? Mein Tipp ist ein anderer. Tyrion ist clever genug, die Sache wie folgt einzufädeln: Jaime sagt sich von Cersei los (die der ohnehin nicht mehr so dolle liebt wie früher). Stattdessen darf Jaime das geliebte Amt der Königswache weiter ausüben – nur jetzt für Daenerys. Schließlich hat er ehedem den Targaryens die Treue geschworen. Daeny ist nicht bekloppt wie Arys, also warum nicht den alten Schwur erfüllen?

 

 2. Tyrion wird die Hand der Königin

 

Das Amt kennt er ja schon und hat es sowohl gerne als auch gut ausgeübt. Als Daenerys Berater kann er seine Nützlichkeit für sie unter Beweis stellen. Und das wäre für eine geächtete Person wie ihn eine Rehabilitierung von höchster Stelle.

 

 3. Tyrion wird Drachenreiter

 

Das ist ein bisschen gewagt, ich weiß. Aber für drei Drachen werden drei Reiter benötigt. Daenerys ist natürlich gesetzt. Ich tippe auf Jon als Nummer zwei. (Er hat schließlich Targaryen-Blut und die Targaryens müssen untereinander heiraten!) Warum ausgerechnet Tyrion als Dritter?

Hm, wer ist nochmal der Erzfeind der Zwerge bei Tolkien? Mit wem konkurrieren Zwerge klassischerweise um Gold und Edelsteine? Ich vermute, dass Martin dem Motiv der Kombination von Zwerg und Drache nicht wird widerstehen können. Daher meine Prognose: Am Ende kommt der Kleine hoch hinaus!

 

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