Doctor Sleep

Stephen Kings neuer Roman

Wer würde den Onkel nicht ins Haus lassen? - Jack Nicholson in Shining
Wer würde den Onkel nicht ins Haus lassen? - Jack Nicholson in Shining

Doctor Sleep sei die Fortsetzung von Shining, heißt es allerorten. Nun habe ich - wie die meisten - Shining nicht gelesen, sondern die Verfilmung gesehen mit dem grandios diabolischen Jack Nicholson in der Hauptrolle. Ob das zum Verständnis reicht?

Inhalt

Dan Torrance, der kleine Junge, der in Shining mit Mühe dem Tod unter der Sense durchschlüpfte, ist erwachsen geworden. Übersinnlich begabt ist er immer noch. Dies und die traumatischen Kindheitserlebnisse machten ihn zum Alkoholiker.
Nun wird er zu Doctor Sleep, d.h. er nutzt seine Gabe, um Sterbende auf ihrem letzten Weg zu begleiten.
Mittels Psi-Fähigkeiten nimmt auch das Mädchen Abra Kontakt zu ihm auf. Was zunächst als lockere telepathische Verbindung beginnt, legt rasch an Intensität zu, als Dan begreift, in welcher furchtbaren Gefahr sich Abra befindet ...

Meine Meinung

Zunächst ist sehr beruhigend: Man kann Doctor Sleep völlig ohne Vorkenntnisse verstehen. Alle wichtigen Informationen zu Dans Kindheit finden sich im Text.
Der Roman braucht eine Weile, um in Schwung zu kommen. Es dauert einige Seiten, bis aus dem Alki endlich Doctor Sleep wird und die Bedrohung die Hauptfiguren erreicht. Stephen King wäre aber nicht Stephen King, wenn er diese Zeit nicht sehr kurzweilig zu überbrücken verstünde.
Überhaupt die Spannung: Der Roman hat den eingebauten Suchteffekt. Am liebsten würde man es in einem Rutsch auslesen, wenn nicht Lästiges wie Toilettengänge einen davon abhielte. Natürlich kann man das Buch auch auf dem Klo ...
Jedenfalls wachsen einem Dan und Abra rasch ans Herz. Dan - die Inhaltsangabe deutet es schon an - ist eine gebrochene Figur. Das ist seine zentrale Motivation. Er möchte Abra ersparen, was ihm zu schaffen macht. Aufseiten des Bösen, über das hier noch nichts verraten werden soll, hat sich der Autor ebenfalls um Motive und Antriebe gründlich Gedanken gemacht. Im Gegensatz zu anderen King-Büchern kommt dieses daher ohne logische Schwächen aus.
Eine besondere Herausforderung sind dabei Dan und Abra, deren mentale Fähigkeiten nicht zum Deus ex Machina mutieren dürfen. King versteht es aber geschickt, das Potential und die Grenzen der beiden in die Handlung einfließen zu lassen, so dass man sich am Ende nicht der Willkür des Autors ausgesetzt fühlt.
Apropos Ende: Es gibt einen Überraschungseffekt, der allerdings vorhersehbar ist. Dennoch wird man nicht enttäuscht, weil sich das Finale sehr passend und logisch in die Geschichte fügt.
Doctor Sleep eine Fortsetzung von Shining zu nennen, wie es auf dem Buchrücken zu lesen ist, trifft es nicht. Es ist ein völlig eigenständiges Buch. Vom Personal Shinings ist (fast) nur Dan Torrance übrig geblieben. (Ja, auch das Böse ist hier ein anderes.) Es ist also eher ein zweites Buch mit gleicher Hauptfigur.
Vergleichbar mit: diversen Werken Stephen Kings
→ spannend, plausibel, klasse
Buchtipp: 8/10 Punkte

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